Home » Homepage, Soziales

In der Pflege muss der Mensch im Vordergrund stehen, nicht die Akte

3 April 2013 Kein Kommentar

Landtagsrede zum Thema Mehr Zeit für Pflege

Dazu sagt die sozialpolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Marret Bohn:

Pflegen bedeutet, sich um jemanden zu sorgen, seinen guten Zustand zu erhalten. Dokumentieren heißt, etwas mit Unterlagen zu belegen. So steht es im Duden, so steht es bei Wikipedia. Das eine hat auf dem Papier mit dem anderen nichts zu tun. In der Praxis aber schon.

Damit pflegerisches Handeln zu bestmöglichen Ergebnissen führt, muss planvoll und nachvollziehbar vorgegangen werden. Es ist wichtig, am Ende einer Schicht festzuhalten, was erledigt ist und was nicht. Dann sieht die Ablösung sofort, was als nächstes getan werden muss.

Dokumentation in der Pflege ist nicht überflüssig. Sie ist ein wichtiges Instrument für Pflegequalität. Aber mit der Dokumentation ist es wie mit Medikamenten: Es kommt auf die Dosis an.

Pflegedokumentation ist Mittel zum Zweck, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Pflegekräfte wollen Menschen helfen. Dafür sind sie ausgebildet. Pflegekräfte sind keine Verwaltungskräfte. Bürokratie liegt ihnen nicht im Blut und nicht am Herzen. Es ist verständlich, wenn sich Pflegekräfte weigern, immer mehr Arbeitszeit mit Bürokratie zu verbringen, anstatt sich um Menschen zu sorgen und sie zu pflegen. Für meine Fraktion kann ich nur sagen: Da haben die Pflegekräfte völlig Recht.

In der Pflege muss der Mensch im Vordergrund stehen, nicht die Akte. Wir müssen eine Entwicklung zurück drehen, die völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Vor dem Hintergrund von Missständen wurde die Dokumentation als Instrument der Qualitätssicherung gestärkt. Das war richtig und erfolgreich. Doch der Bumerang-Effekt ließ nicht lange auf sich warten. Unklarheit über die Anforderungen, komplizierte Verfahren, unverständliche Formulare, keine Zeit für Schulung. Zu viel, ist zu viel – auch in der Dokumentation.

Stellen Sie sich ein Pflegeheim vor, es ist nach 20 Uhr. Die Pflegekraft sitzt im Büro. Sie ist allein auf der Station – Nachtschicht. Vor ihr die Akten der 20 BewohnerInnen. Die Arbeit der Tagschicht müssen nachgetragen werden. Fünf rote Lämpchen leuchten, hinter jedem ein Mensch mit einem berechtigten Anliegen. Aus dem Nebenzimmer leises Rufen, über den Gang kommt Herr P. auf der Suche nach Ansprache, zwei Alarmklingeln schrillen – dringend! Was tun?

Diese Situation ist kein Horrorszenario, sondern Alltag in unseren Pflegeinrichtungen. Für uns ist ganz klar: Der Mensch geht vor, die Dokumentation muss warten. Genauer – die Anforderungen der Dokumentation müssen soweit vereinfacht und reduziert werden, dass sie während der Schicht problemlos zu schaffen sind. Dokumentation muss die Pflege stützen. Sie darf nicht zur Konkurrenz werden oder die Pflege behindern.

Ein letztes Wort zu den Prüfungen, die ebenfalls Bestandteil unseres Antrages sind. Hier ist es nicht anders als bei der Dokumentation. Natürlich muss überprüft werden, ob Einrichtungen baurechtliche, ordnungsrechtliche oder betriebswirtschaftliche Vorgaben einhalten. Natürlich muss überprüft werden, ob die Pflegebedürftigen gut versorgt sind und ob die Leistungen der Pflegekassen zu Recht gezahlt werden. Alles das ist wichtig und erforderlich. Falsch ist jedoch, wenn sich PrüferInnen die Klinke in die Hand geben. Falsch ist, wenn dann wieder keine Zeit für die Menschen und die Pflege bleibt.

Prüfinstanzen müssen kooperieren, sich abstimmen, möglichst zeitgleich und gemeinsam prüfen. Das spart Zeit und Aufwand auf allen Seiten. Prüfbestimmungen müssen aufeinander abgestimmt werden. Doppeltes und Sinnloses muss gestrichen werden. Was zusammengehört und einander bedingt, muss zusammen fortentwickelt werden. Hier gibt es Synergieeffekte, die wir nutzen müssen.

Für die Dokumentation in der Pflege gilt: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Geben wir den Auftrag dazu. Verabschieden wir den vorliegenden Antrag.

Leave your response!

Add your comment below, or trackback from your own site. You can also subscribe to these comments via RSS.

Freundlich und am Thema bleiben. Kein Spam.

Nutzen Sie diese tags:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Dies ist ein Gravatar-basierter Blog. Um Ihren global verwendbaren Avatar zu bekommen, registrieren Sie sich bitte auf Gravatar.