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Die Opfer von Heimerziehung haben ein Recht auf Entschädigung

21 März 2011 Kein Kommentar
Dazu sagt Marret Bohn:
Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren, überall auf der Welt geschieht täglich großes Unrecht –
auch in Schleswig-Holstein. Bereits in der vergangenen Legislaturperiode hat sich der Landtag mit der
Aufarbeitung der Landesfürsorgeerziehung in den 50er, 60er und 70er Jahren in Schleswig-Holstein
befasst. Ein besonderer Fokus lag auf dem Landesfürsorgeheim Glückstadt.
Zum ersten Mal erkannte der Schleswig-Holsteinische Landtag das Unrecht und Leid an, das Kindern
und Jugendlichen damals in den Landesfürsorgeheimen widerfahren ist, und drückte sein tiefstes
Bedauern aus. Diese Anerkennung war überfällig. Bis heute haben die verantwortlichen Träger – und ich
meine an dieser Stelle nicht nur das Land, sondern ausdrücklich alle Träger, kirchli-che und freie
eingeschlossen – diese Träger haben zu den menschenverachtenden Zuständen in ihren Heimen
überwiegend geschwiegen.
Sie haben lange Zeit jede Form einer Entschuldigung oder finanziellen Entschädigung abgelehnt. Erst
jetzt beginnt ganz allmählich ein öffentlicher Prozess der Auseinadersetzung. Daran hat auch der
Schleswig-Holsteinische Landtag seinen Anteil. Durch die gemeinsame Entschließung wurde das
geschehene Unrecht anerkannt. Die Opfer fühlten sich wahrgenommen, sie fühlten sich erstgenommen.
Der Runde Tisch ist ein guter Weg – im Land und im Bund. Die wissenschaftliche Aufarbeitung und die
Wanderausstellung schaffen Öffentlichkeit und durchbrechen das Schweigen. Was der Landtag 2009
allerdings nicht tat, war das Aussprechen einer direkten Entschuldigung. Er befasste sich auch nicht mit
der Frage, ob und wie eine Entschädigung auch materiell geleitstet werden kann. Das haben wir Grüne
schon damals bedauert. Aber beide Punkte fanden im Schleswig-Holsteinischen Landtag keine Mehrheit,
weil einige Fraktionen der Auffassung waren, dass dies den „Rahmen des Angemessenen“ sprengen
würde.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Fraktion ist verwundert und positiv überrascht, dass heute
machbar scheint, was in schwarz-roten Regierungszeiten nicht möglich war. Bündnis 90/Die Grünen
hatten für November einen Antrag geplant, jetzt liegt uns der SPD-Antrag vor, den wir ausdrücklich
begrüßen. Dieses sensible Thema sollten wir im Sozialausschuss weiter beraten. Wir Grünen wünschen
uns hierbei ausdrücklich eine Beteiligung der Betroffenen. An dieser Stelle möchte ich den ehemaligen
Heimkindern danken. Sie sind es, die nicht müde werden, die Aufarbeitung der menschenverachtenden
Erziehungsmethoden einzufordern.
Sie sind es, die auch anderen ehemaligen Heimkindern ermöglicht haben, über ihr Schicksal zu reden
und zu erkennen, dass nicht sie die Versager waren, sondern dass die damals Verantwortlichen versagt
haben. Auch das Land Schleswig-Holstein hat damals versagt. Schon im August 1969 traf der SPD
Landtagsabgeordnete Klinke im Volkswohlfahrtsausschuss die Feststellung, „Es muss bezweifelt werden,
ob die in Glückstadt praktizierte Erziehung überhaupt noch verantwortet werden kann.“ Trotzdem
geschah fünf Jahre lang nichts. Das Heim wurde erst geschlossen, als es nicht mehr wirtschaftlich war.
Das ist unerträglich und macht sehr nachdenklich. So etwas darf nie wieder passieren! Die Verletzungen
der ehemali-gen Heimkinder an Körper und Seele wirken bis heute nach.
Wer über Monate oder Jahre physischer, psychischer und sexueller Gewalt ausgeliefert war, der hat
diese Last ein Leben lang zu tragen. Die ehemaligen Heimkinder haben ein Recht auf Anerkennung ihres
Leids. Sie haben ein Recht auf Entschuldigung. Sie haben ein Recht auf Anerkennung ihrer durch
Zwangsarbeit erworbenen Rentenansprüche. Und Sie haben ein Recht auf Entschädigung. Das war und
ist jedenfalls die Grüne Position. Der Beschluss des Schleswig-Holsteinischen Landtages im März 2009
war ein erster Schritt. Heute machen wir den Zweiten und das ist gut. Auch der Antrag der
Regierungsfraktionen geht in die richtige Richtung. Wir sind für eine Überweisung in den
Sozialausschuss.

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